Der Hamburger Feuersturm

Hamburg gehört zu den im Zweiten Weltkrieg am stärksten zerstörten Städten Deutschlands. Die britischen und amerikanischen Luftangriffe, die zwischen dem 25. Juli und dem 3. August 1943 unter dem Namen "Operation Gomorrha" durchgeführt wurden, hinterließen vor allem östlich der Alster ganze Stadtteile in Trümmern. Mindestens 34.000 Menschen fielen den bis dahin schwersten Angriffen in der Geschichte des Luftkrieges zum Opfer, über 270.000 Wohnungen wurden zerstört. 

Allein die Angriffe in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli forderten über 18.000 Todesopfer. Das massive Bombardement von knapp 1.500 Tonnen Sprengstoff löste in Kombination mit der heißen Witterung einen Feuersturm aus, kaminartige Winde von bis zu 270 Stundenkilometern, die bis zu 1000 Grad heiß wurden. 

DAS VORGÄNGERPROJEKT

Das Erinnerungswerks Hamburger Feuersturm hat seine Wurzeln in einem gemeinsamen Forschungsprojekt von Psycholog:innen und Historiker:innen, das 2007 in Hamburg startete: das Projekt "Zeitzeugen des Hamburger Feuersturms 1943 und ihre Familien". Hier wurde anhand von 243 Einzel- und Familiengesprächen vor allem untersucht, wie Traumata innerhalb der Familien von Betroffenen weitergegeben wurden. Die Ergebnisse ihrer Forschungen publizierte die Gruppe in einer Vielzahl von Aufsätzen, und 2013 erschien zum Abschluss des Projekts ein Band im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht.


Im neuen Projekt steht nicht die Analyse, sondern das Sammeln selbst im Vordergrund. Dabei wird das bestehende Netzwerk genutzt: Bislang beteiligen sich fast 30 Therapeut/innen aus dem Hamburger Raum ehrenamtlich im EHF, unter dessen Leitung möglichst viele Erinnerungen an den Hamburger Feuersturm gesammelt werden sollen.


Im Februar 2019 hat das EHF in seiner aktuellen Form die Arbeit aufgenommen. Erste Aufrufe im Hamburger Abendblatt zeitigten eine große Resonanz. Bereits über 150 Zeitzeug/innen haben sich gemeldet, die Ihre Erinnerungen teilen möchten.

Das EHF sucht laufend nach Zeitzeug/innen sowie qualifizierten Interviewpartner/innen und bringt beide zusammen. Wir versorgen die Interviewer/innen mit technischer Ausrüstung und allen notwendigen Dokumenten. 

Die fertigen Interviews verschriftlichen wir, damit sie abschließend der FZH zur Archivierung übergeben werden können.

Außenaufnahme der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, in der die Interviews mit Zeitzeugen archiviert werden

Die Archivierung

Die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg ist das größte historische Forschungsinstitut der Region und betreibt mit der Werkstatt der Erinnerung ein umfangreiches lebensgeschichtliches Archiv unter der Leitung von Dr. Linde Apel.
Hier lagern über 2.000 Interviews, darunter auch diejenigen aus dem EHF-Vorgängerprojekt. Auch die im Rahmen des EHF geführten Gespräche sollen hier langfristig aufbewahrt und der Forschung zugänglich gemacht werden.

Fundstücke

Immer wieder stellen uns Zeitzeuginnen und Zeitzeugen Fotos, Dokumente und Objekte zur Verfügung, die einen Eindruck von der Zeit des Hamburger Feuersturms und seiner Folgen vermitteln.  Hier zeigen wir Ihnen einige ausgewählte Fundstücke.

Viele Familien hatte einen solchen Koffer oder eine Tasche, in der alle wichtigen Papiere und kleinere Wertgegenstände verwahrt wurden. Der "Schnappkoffer" war stets fertig gepackt und griffbereit, wenn die Familie bei Alarm in den Luftschutzkeller oder Bunker gehen musste. Dieses Exemplar hat die Jahrzehnte gut überstanden – sogar die Schlüssel sind noch dabei.

Obwohl die Nationalsozialisten gegenüber dem Ausland stets ihren Friedenswillen bekundeten, bereitete sich das Regime bereits seit 1933 auf einen neuen Krieg vor. Dazu gehörte der Aufbau des Luftschutzes – nicht nur durch den Bau von Bunkern, sondern auch durch organisatorische Maßnahmen wie die Ausbildung von Luftschutzwarten.  Diese Platzkarte berechtigte eine unserer Zeitzeuginnen, im Bunker in der Eiffestraße Schutz zu suchen, und war vom Luftschutzrevierführer ausgestellt. Die Rückseite zitiert die Bunkerordnung und warnt: Wer drei Mal seinen Platz bei Alarm nicht aufsucht, verliert ihn. 

In vielen Familien waren die Väter zum Zeitpunkt der Bombardierung nicht vor Ort, weil sie zum Kriegsdienst eingezogen worden waren. Während sich die Mütter und oft auch ältere Verwandte um die Sicherheit der Kinder kümmerten,  blieb den Soldaten nur, auf gute Nachrichten von zu Hause zu warten.  Diese Zeitzeugin schrieb ihrem Vater, der im Lager Wolterdingen bei Soltau stationiert war, nach einem Angriff auf Hamburg-Horn ihre Erlebnisse.

Eigentlich war Privatpersonen "das Photographieren der durch Feindeinwirkung entstandenen Schäden" streng verboten. Die meisten bekannten Bilder stammen daher von den Fotografen des Hamburger Denkmalschutzamtes wie Erich Andres und Willi Beutler. Daneben dokumentierten dennoch auch einige Hobbyfotografen heimlich die Zerstörung in ihrem Stadtteil. Dieses Bild zeigt die Straße Auf den Blöcken im besonders betroffenen Hamburg-Hamm.

Diese Lehrerin vor den Trümmern ihres Hauses in der Koldingstraße scheint sich die Stimmung nicht verderben zu lassen. 

Auf die Ausbombung folgten häufig chaotische Wochen und Monate voller Umzüge und provisorischer Quartiere. Unter dem Titel "Unsere Vernichtung" hat diese Zeitzeugin den verworrenen Weg nach der Bombardierung in einem Taschenkalender festgehalten.

Jeder materielle Verlust musste dokumentiert werden, um Ersatz erhalten zu können. Dieses Schriftstück der Hamburger Behörden aus dem Februar 1945 bescheinigt dem Inhaber oder der Inhaberin den Verlust eines Koffers.

Diese Gruppe Frauen in der Kieler Straße verlegten die große Wäsche nach dem Feuersturm notgedrungen in den Innenhof. Die Kulisse bilden die leeren Fenster des Nachbarhauses.

Auf diesem Foto wurde die Koldingstraße in Hamburg-Altona bereits geräumt. Auf Grundstück und Verkehrsinsel liegen aber noch meterhoch die Trümmer.

Viele Hamburgerinnen und Hamburger verloren im Feuersturm ihren gesamten Hausstand, und Ersatz war in der rationierten Kriegswirtschaft nur über Bezugsscheine zu bekommen. Dass dieses Dokument aus Bad Segeberg sich noch immer im Besitz einer Zeitzeugin befindet, zeigt: Ein Einkaufsausweis berechtigte zwar zum Kauf, war aber keine Garantie, die Ware auch tatsächlich zu erhalten. 

Aus der Perspektive mancher Jungen und Mädchen hatten die Luftangriffe auch etwas Abenteuerliches. In den zerstörten Straßen kletterten sie in den Ruinen und suchten nach Bombensplittern, die sie mit anderen Kindern tauschten.  Ein Zeitzeuge bewahrt die Metallstücke noch fast 80 Jahre später in seiner "Schatzkiste" auf.

Foto: Christina Schulz

Zur Hochzeit im Juli 1943 standen auf Hamburger Gebiet insgesamt 346 Flugabwehrkanonen (Flaks).  Hinzu kam eine große Menge kleinerer mobiler Geschütze. Das leichteste von ihnen, die 2-Zentimeter-Flak 30, nutzte Granatkartuschen des Kalibers 20 x 138 mm. Sie dienten als Hülle für das eigentliche Projektil und wurde selbst nicht verschossen. Ein Zeitzeuge fand dieses Exemplar und bewahrte es auf.

Foto: Christina Schulz

Das team des EHF

PD Dr. med. Dipl.-Psych. Ulrich Lamparter

hat das EHF im Frühjahr 2019 gegründet und leitet das Projekt seitdem. Er ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin sowie ausgebildeter Psychoanalytiker. Von 1985 bis 2016 war er am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf an der Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie tätig. Im von ihm aufgebauten und bis 2017 geleiteten Adolf-Ernst-Meyer-Institut Psychotherapie werden Psychotherapeuten aus- und weitergebildet. 

Dipl.-Psych. Sabine Lucassen

ist Psychologische Psychotherapeutin mit Praxis in Hamburg-Rotherbaum. Im EHF leitet sie eine Gesprächsgruppe, in der sich Zeitzeug:innen über ihre Erfahrungen im Hamburger Feuersturm und deren Auswirkungen auf ihr späteres Lebens austauschen.

Hendrik Althoff, M. A.

ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hamburg, hat hier zuvor Deutsche Geschichte studiert und zur hamburgischen Geschichte im 20. Jahrhundert geforscht. Im EHF ist er für die Projektkoordination, die technische Betreuung und für die Website zuständig.